In diesem aufschlussreichen Interview erzählt Salla Sandberg, engagierte Mutter und Vorreiterin in Sachen nachhaltiger Mode, von ihrem Werdegang von einer finnischen Modemarke über ihren MBA-Abschluss bis hin zu ihrer Position als Nachhaltigkeitsexpertin bei Spinnova. Sie spricht über die sich wandelnden Herausforderungen und Chancen der Modebranche und betont die Notwendigkeit von Nachhaltigkeit und Innovation. Salla reflektiert außerdem über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, plädiert für einen nachhaltigen Lebensstil und gibt wertvolle Tipps, wie Nachhaltigkeit in Mode und Privatleben integriert werden kann. Dieses Interview ist ein Muss für alle, die sich für nachhaltige Mode, persönliche Weiterentwicklung und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf interessieren.
Erzählen Sie uns etwas über sich und Ihren Hintergrund.
Meine Reise begann 2005 bei einer der bekanntesten finnischen Modemarken. Ich hätte nie gedacht, dass ich dort fast zwei Jahrzehnte so gerne arbeiten würde. Meine persönliche Entwicklung verdanke ich jedoch der großen Unterstützung meiner wunderbaren Kollegen. Die schönsten Momente waren die, in denen wir gemeinsam neue Herausforderungen meisterten und nach neuen Wegen suchten. Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Es ist ohnehin eher selten, so lange im selben Unternehmen zu arbeiten und sich dabei immer wieder aufs Neue zu amüsieren. Ich hatte einfach das Glück, so tolle Menschen um mich zu haben, mit denen ich zusammenarbeiten und von denen ich vor allem so viel lernen konnte.
Seit Beginn der Pandemie im Jahr 2020 bis heute durfte ich mich über zwei gesunde und wundervolle Kinder freuen und habe mein MBA-Studium mit Auszeichnung abgeschlossen. Erfreulicherweise war mein MBA-Studium das erste, in dem die Aalto-Universität Nachhaltigkeit als Kernmodul eingeführt hat. Es war eine echte Offenbarung für mich zu erkennen, wie viel Wissen über Nachhaltigkeit es gibt, an das ich außerhalb meines Fachgebiets nie gedacht hätte. 2022 bin ich außerdem dem Vertriebsteam von Spinnova beigetreten, um Partnerschaften mit globalen Marken zu leiten. Es war ein bemerkenswerter Kontrast zwischen einem traditionellen Textilunternehmen und einem Technologieunternehmen kurz vor der Markteinführung, aber ich habe nicht lange überlegt, da Spinnova all meinen Werten entsprach, insbesondere im Bereich Nachhaltigkeit. Spinnova ist einer der Vorreiter für innovative Lösungen.
Ihre Expertise und Ihre echte Leidenschaft für Nachhaltigkeit im Textilbereich bei SPINNOVA sind beeindruckend! War Nachhaltigkeit schon immer eines Ihrer Leitprinzipien, oder können Sie Ihren Aha-Moment in Sachen Nachhaltigkeit mit uns teilen?
Ich muss gestehen, dass ich Zeit brauchte, um das Konzept der Nachhaltigkeit zu begreifen. Die Komplexität des Themas erscheint mir unendlich. Es gibt so viel zu lernen und zu entdecken. Meistens macht mir das Lernen Spaß. Doch die Reisen um die Welt und die Treffen mit Lieferanten waren ein schmerzhafter Weckruf, der mir die Härten des Lebens vor Augen führte. Das große Ziel sollte nicht nur der Umweltschutz sein, sondern gleichzeitig auch die Schaffung gleichberechtigter und menschenwürdiger Arbeitsbedingungen.
Ich bin überzeugt, dass wir die größte Wirkung im Bereich Nachhaltigkeit erzielen, indem wir alle Beteiligten einbeziehen, anstatt die weniger effektiven außen vor zu lassen. Wir müssen diesen Weg der Nachhaltigkeit gemeinsam beschreiten und sowohl die Verbraucher als auch die Lieferanten, die mit uns zusammenarbeiten, aufklären.
Welchen Herausforderungen steht die Modebranche heute gegenüber, und welche Chancen sehen Sie?
Wenn ich zurückblicke, hat sich die Modebranche in den letzten Jahren rasant entwickelt und macht weiterhin große Fortschritte. Einerseits sind die Verbraucherinnen und Verbraucher bei ihren täglichen Kaufentscheidungen bewusster und anspruchsvoller geworden. Produkte müssen transparent, rückverfolgbar, ethisch und verantwortungsvoll produziert sein. Andererseits zwingen diese Verhaltensänderungen die Unternehmen dazu, nachhaltigere und verantwortungsvollere Alternativen zu finden. Ich glaube, wir alle teilen die Sorge, wie wir diese Faktoren auf die nachhaltigste Weise – ökologisch, sozial und ökonomisch – bewältigen können.
Die größte Herausforderung ist meiner Meinung nach Überkonsum und Überproduktion. Schätzungen zufolge ist die gesamte Textilindustrie für 10 % der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Erstaunlicherweise steigen die Absatzzahlen von Textilien trotz der steigenden Nachfrage der Verbraucher nach nachhaltigeren Produkten jährlich an. Dies hat dazu geführt, dass wir uns an die Überproduktion von Produkten gewöhnt haben, um unseren stetig wachsenden Bedarf an neuen Artikeln zu decken. Diese Verhaltensänderung hat bereits unsere Rohstoffressourcen beeinträchtigt und Umweltprobleme verursacht. Wir müssen als Erstes das auf dieser Wegwerfwirtschaft basierende Konsummodell durchbrechen. Dass Marken ihre Lagerbestände der letzten Saison vernichten, anstatt sie sinnvoll zu nutzen, widerspricht meinen Werten.
Darüber hinaus sollten wir künftig bei der Bewertung von Projekten und Innovationen nicht nur den Klimaschutz, sondern auch Schadstoffbelastung und Biodiversität berücksichtigen. Investitionen in nachhaltigere Rohstoffe und Innovationen ermöglichen es uns, geschlossene Materialkreisläufe zu etablieren. Diese Kreisläufe verbessern die Ressourceneffizienz und verlängern die Produktlebenszyklen, was uns allen zugutekommt. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in Innovationen, die eine Kreislaufwirtschaft fördern.
Warum glauben Sie, dass Nachhaltigkeit in der Mode etwas ist, worüber jeder mehr lernen sollte?
Wir alle haben Einfluss darauf, was und wie viel Marken produzieren. Wie bereits erwähnt, sollten Marken diesen Wandel hin zu innovativeren Lösungen als Teil ihrer Geschäftspraxis betrachten. Neue innovative Lösungen können zudem die benötigten Einnahmequellen erschließen und das Geschäftspotenzial steigern. Daher werden wir künftig noch mehr Kooperationen zwischen globalen Marken und Branchen erleben, um mehr Nachhaltigkeit zu erreichen und den Zugang zu Innovationen für Marken zu verbessern.
Zweitens sollten wir uns nicht nur auf die Mengenreduzierung konzentrieren – einer der wichtigsten Schritte hin zu einer nachhaltigeren Welt –, sondern dauerhafte Lösungen anstreben, die Produktlebensdauer, Reparaturservices, Upcycling, Secondhand-Produkte und Mietangebote umfassen. Wir müssen neue Lösungen fordern und in sie investieren, die weniger natürliche Ressourcen verbrauchen und belasten. Auf persönlicher Ebene sind keine tiefgreifenden Veränderungen nötig, aber es muss Teil unseres Lebensstils werden. Ein erster Schritt ist, zukünftige Generationen von klein auf aufzuklären und das Denken der Kreislaufwirtschaft zu normalisieren.
Welche drei Eigenschaften machen die Frau und Mutter aus, die Sie sind?
Mein Wohlbefinden basiert auf meinen Beziehungen, deshalb pflege ich sie sehr. Die enge Bindung zu meinen Kindern, die flüchtigen Momente mit meinem Mann zu teilen und mehr Zeit mit meinen alternden Eltern zu verbringen, ist eine Mischung aus Gefühlen, die ich zuvor noch nicht erlebt habe.
Es ist erstaunlich, wie viel Mutterschaft und Berufsleben gemeinsam haben. Ich muss jeden Tag gut abwägen, welche Kämpfe ich ausfechte, und flexibel sein, um je nach Situation unterschiedliche Strategien anzuwenden. Ständig die Sockenfarbe morgens zu wechseln, ist okay, aber ohne Socken aus dem Haus zu gehen, geht gar nicht! Jede Jahreszeit erfordert neue Fähigkeiten und Techniken, um unsere Kinder gut zu erziehen. Ich glaube, Flexibilität und Anpassungsfähigkeit sind der Schlüssel zu einer gesunden Beziehung. Zum Beispiel könnten wir im Namen der Durchsetzung von Regeln und dem Einfordern von Nachhaltigkeit die Beziehung oder ansonsten gute Absichten gefährden.
Mutter zu sein hat mich viel Demut gelehrt. Die Elternschaft hat mir meine Schwächen und Zweifel vor Augen geführt. Wichtiger als der Umgang mit manchmal chaotischen Situationen ist die Fähigkeit, den eigenen Stolz zu überwinden und daraus zu lernen, und keine Angst vor Fehlern zu haben – besonders wenn man, wie ich, eher ein Macher ist.
Als Frau wünsche ich mir mehr Vielfalt in Führungspositionen innerhalb von Organisationen. Ich glaube, Frauen sollten sich gegenseitig stärker unterstützen. Als Mutter möchte ich meinen Kindern Chancen eröffnen und sie darin bestärken, ihre Träume zu verwirklichen.
Welche Frau inspiriert Sie und warum?
Auf meinem Weg hatte ich das Privileg, Menschen kennenzulernen, die mich auf vielfältige Weise sehr inspiriert haben, unabhängig von Branche und Position. Besonders inspirieren mich Menschen, die ihrer Leidenschaft folgen und für ihre Werte handeln. Deshalb möchte ich Ira Lang erwähnen, die ich kürzlich während meines Studiums kennengelernt habe. Sie ist eine großartige Trainerin, eine starke Kämpferin mit einer berührenden Geschichte. Ihr Coaching hat mich herausgefordert und mir neue Perspektiven eröffnet.
Könnten Sie einige Ihrer wertvollsten Erkenntnisse aus Ihrer Zeit als frischgebackene Mutter mit uns teilen und gleichzeitig Ratschläge für ein nachhaltiges Leben inmitten der Mutterschaft geben?
Ich wünschte, ich hätte früher gewusst, dass Mutterschaft weder die Karriere noch andere Lebensbereiche ausschließt. Wichtig ist nur, seine Kernwerte zu kennen. Was oder wen schätzt man im Leben am meisten? Denn diese Werte und Entscheidungen bestimmen, wie man seine Zeit verbringt. Man braucht keine festgelegte Lebensmission, sondern sollte sich auf den Weg konzentrieren.
Wenn es um einen nachhaltigen Lebensstil geht, sollte man nicht Trends hinterherlaufen, sondern seinen eigenen Stil finden, sich auf wenige, aber zeitlose Kleidungsstücke konzentrieren und diese pflegen, um ihre Lebensdauer zu verlängern. Ich liebe und unterstütze das Konzept von Secondhand-Kleidung.
Wenn Sie einen Nachhaltigkeitswunsch im Modebereich frei hätten, welcher wäre das?
Der einzige Weg ist, positiv zu bleiben und dem Prozess für eine bessere Zukunft zu vertrauen. Ich denke, wir sind uns mittlerweile über die Begrenztheit unserer globalen Ressourcen einig, und die Betonung von Qualität statt Quantität ist langfristig der einzige Weg zum Erfolg. Andernfalls führen wir in eine Sackgasse. Technologieunternehmen und Modemarken tragen die Verantwortung, nachhaltige Materialien und Innovationen zu finden. Dennoch müssen auch die EU und ihre Mitgliedstaaten eine Vorreiterrolle einnehmen, beispielsweise durch die Förderung langfristiger Forschung und Entwicklung.
Zum Abschluss: Was begeistert Sie an der Zukunft von Salla?
Die Modebranche gilt im Bereich der Digitalisierung als eher traditionell. Besonders spannend wird es sein, die Branche über den E-Commerce hinaus zu digitalisieren. Wir brauchen neue Wege, um Marken zu vernetzen, Lieferanten zu führen und Daten zu speichern und zu sammeln. Außerdem müssen wir uns darauf konzentrieren, wie die Digitalisierung Unternehmen künftig besser bei der Erfüllung ihrer Nachhaltigkeitsziele und -anforderungen unterstützen kann.
Die Digitalisierung der Branche wird auch entscheidend sein, um mit den kommenden EU-Vorschriften Schritt zu halten. Die Einhaltung dieser Vorgaben beginnt bereits 2026, und wir sollten uns darauf vorbereitet haben. Es wird spannend sein zu beobachten, wie dieser Wandel Unternehmen dabei unterstützt und sie mit einer Kreislaufwirtschaft vernetzt.
